Straßenkämpfe vor der Haustür

Aus aktuellem Anlaß hier eine Wiedergabe meiner personellen Wahrnehmung der Ereignisse der letzten Nacht in Athen (siehe Presseartikel am Ende des Eintrags). Ich selbst habe keinerlei Schaden genommen, lediglich durch das Tränengas musste ich etwas weinen.

Den Anfang der Unruhen in meinem Athener Viertel Exarchia habe ich noch persönlich mitbekommen, schätzte die Situation allerdings für „gewöhnlich“ ein. Hier finden öfter kleinere Auseinandersetzungen zwischen linken Autonomen und der Polizei statt, und so hart es klingt, sich die Kenntnisnahme dieser schon fast in meinen hiesigen Lebensalltag eingfügt hat. Jedoch beschränken sich jene Unruhen normalerweise auf das Werfen von Steinen auf Seite der Anarchisten und Einsatz von Tränengas durch die Polizei. Diese kleineren Auseinandersetzungen finden hier ca. alle 1-2 Wochen nachts, meist am Wochenende statt.

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Bevor ich das Haus gestern verließ, hörte ich noch so etwas wie einen Schuss, vermutete allerdings das Explodieren einer Gastkartusche oder ähnlichem (könnten auch mehrere gewesen sein, möglciherweise die tödlichen Schüsse auf den Jugendlichen). Auf meinem Weg durch Exarchia, zu nahe wohnenden Freunden, sah ich eine Auseinandersetzung zwischen Polizei und vermummten steinewerfenden Gestalten, die nächste Straße und mit einer riesigen Rauchwolke erfüllt, wohl mit Tränengas, die ich umgehen wollte, und eine Einsatzrupp einer komplett ausgerüsteten Polizeieinheit. Nachdem diese in eine weitere Seitenstraße sprintete, zeigten sich dort brennende Müllcontainer, Rauch und ein sich nähender Feuerwehrwagen.

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Auf der Party ging das Gerücht um, dass jemand wohl erschossen worden sei, jedoch ohne die Vernahme einer offiziellen Meldung in den Medien. Ich selbst begab mich gegen 23.15 Uhr zu einer weiteren Party, außerhalb meines Viertels, nahe am Universitätscampus Zografu, sehr weit einfernt auf einem Berg liegend.  Dort erhielt ich eine Nachricht meiner Mitbewohnerin, ich solle nicht so früh nach Hause zurückkehren, hier sei die Hölle los, und Personen, die sich vor mir auf dem Nachhauseweg gemacht hatten, versendeten Nachrichten an die Partygäste, dass die Innenstadt im Zentrum (Syntagma, Omonia, Fußgängerzone) weiträumig abgesperrt sei und zwei Polizeiwagen in Brand gesteckt worden wären. Mit dem ersten frühmorgendlichen Bus konnten wir bis zur U-Bahn-Haltestelle Evangelismos fahren. Von da aus war das Gebiet von der Polizei abgesperrt und wir waren gezwungen, die U-Bahn bis zum Omoniaplatz zu nehmen. Auf den wenigen Metern von dort zu meinem Haus (begleitet von zwei Freunden und meinem britischem Mitbewohner brachten wir noch eine Freundin, die direkt im Viertel wohnt, nach Hause) zeigten sich die Ausmaße der Kämpfe. Hier ein paar Fotos der postapokalpytisch, stellenweise durch die Weihnachtsbeleuchtung gar surreal anmutende Szenerie von ausgebrannten Autowracks,  zerstörten Läden und der gasgetränkten Luft, die tränenevozierend auf uns wirkte.

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Leider war der Akku meines Fotos fast leer, aber für ein paar Bilder hat es noch gereicht. In der Universität Politechnio hatten sich wohl scheinbar noch einige Autonome zurückgezogen (die Polizei darf in Griechenland den Universitätscampus nicht betreten), auf der Straße liefen vereinzlelte Menschen umher, die Polizei stand (wie sonst auch) nur in mehreren Gruppen am Rande des Viertels. Allerdings schienen die Auseinandersetzungen beendet zu sein, die große Masse an gewalttägen Protestanten war verschwunden. Erst in unserer Wohnung erfuhren wir am PC, was genau in dieser Nacht vorgefallen war (BBC-News hatte als erstes Medium schon eine Meldung online). Mein britischer Mitbewohner kommentierte die Meldung auf der BBC-Website, und wurde auch sofort für eine Augenzeugenaussage per Mail angefragt, dann angerufen und sofort umgehend in den Artikel eingebaut (Nebenbemerkung: so sieht wirklich schnell arbeitender Onlinejournalismus aus, wie er in der heutigen Medienbranche zu funktionieren hat). Die eigentlichen Meldung finden sich hier anschließend in der Presseschau.

Meine Mitbewohnerin hat morgens berichtet, dass die ganze Nacht die Abfeuerungsgeräusche der Gaskartuschen zu hören waren, und sie das Haus nicht verlassen habe.

Jetzt zur Mittagsstunde hört man vereinzelt noch Stimmen von kleineren Menschenansammlungen, eine kleine Demo zog gerade vorbei und ein Hubschrauber kreist konstant über dem Viertel.  Ich werde mich jetzt vor die Tür begeben, um mir bei Tageslicht noch einmal einen Überblick zu verschaffen.

Hier noch eine aktuelle Presseschau, meist der Online-Aufmacher:

BBC (mit Zitat meines Mitbewohners)

Spiegel

FAZ

Zeit

Bild

SZ

Focus

Tagesschau

Heute

RTL Aktuell

NDR Info

New York Time Europe

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Athen

Eine Antwort zu “Straßenkämpfe vor der Haustür

  1. Bene

    Woha! Und wie läufts sonst so bei dir? Die Bilder sind gut.
    Liebe Grüße

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