Friedliche Demonstration von gewalttätigen Autonomen unterwandert

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Die aktuellen Umstände wirkten sich auch auf den Alltag in Athen aus. Die Stadt war für einen Montag außergewöhnlich ruhig, wenige Passanten waren auf den Straßen anzufinden, es fuhren kaum Autos. Man könnte fast vermuteten, die Stadt erwartete nur die nächste Eruption der Gewalt, und diese Stunden seien nur die Flaute vor dem nächsten Sturm.

Öffentlich war bekannt, dass gegen 18 Uhr eine Kundgebung der KKE, der kommunistischen Partei, stattfinden solle. Hierfür war eine Tribune mit Rednerpult am Omoniaplatz errichtet worden. Eine Demonstration solle auch stattfinden. Viele Läden begannen deshalb ab dem späten Nachmittag, ihre Fenster und Türen zu versperren und zu verbarrikadieren.

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Am Vorplatz des Hauptgebäudes der National and Kapodistrian University fanden sich immer mehr Demonstranten ein, Studenten, Familien und viele Schüler. Viele Plakate wurden hochgehalten, einige Personen waren mit roten Fahnen ausgestattet. Anzeichen von gewaltbereiten Autonomen gab es keine. Die Atmosphäre war friedlich, niemand trieb die Gruppe mit Parolen an oder zerstörte umstehende Gegenstände. Der Platz sowie die Straße vor der Universität füllten sich rasch, meiner Einschätzung nach befanden sich dort gegen 18 Uhr ungefähr 2000-3000 Menschen.

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Als ich gerade auf die Hauswand gesprühte Slogans fotografieren wollte, kamen wie aus dem Nichts ca. 30 vermummte, teilweise Gasmasken tragende Gestalten um die Ecke. Sie begannen direkt am Hauptgebäude Steine abzuschlagen, die sie dann später als Wurfgeschoss gegen die Polizei einsetzen können. Immer wieder wurde dieselbe Parole geschrieen, während aus allen Richtungen immer mehr vermummte vor das Hauptgebäude begaben. Als ich mich durch die Seitenstraße entfernte, schlug nur ungefähr drei Meter hinter mir ein großer Steinbrocken in die Mauer ein, um in kleine Stücke zu zersplittern. Gleichzeitig konnte ich zusehen, wie gewaltsam Autonome an einem Seiteneingang des Hauptgebäudes in die Uni eindrangen, dort Rauchbomben zündeten und das Tor aufbrachen.

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Von dem nur wenige 100 Meter entfernten Jura-Gebäude, das auch von Autonomen besetzt ist, erschallte laute Punkmusik mit griechischen Texten. In der nächsten Seitenstraße wurden von Autonomen schon die ersten Müllcontainer angezündet, direkt neben der Masse der marschierenden Demonstranten auf der Panepistimio. Mehrmals kam ein junger Mann mit grauem Kapuzenpulli und schwarzem Schal vor dem Gesicht die Straße herauf und an mir vorbei, um weitere Container zu holen. Die Laden- und Cafébesitzer blickten entsetzt in die offenen Feuer und begannen hastig, die Läden zu schließen und die Rollläden herunter zu lassen. Die Polizei hatte sich noch gar nicht gezeigt. Erst in der nächsten großen Parallelstraße der Akademias konnte ich drei kleine Polizeieinheiten antreffen, die sich entweder im Dunkeln oder hinter Häuserecken verbargen. Ein Indikator für ihre sofortige Einsatzbereitschaft waren das Tragen von Gasmasken und das Mitführen von Tränengasbomben. Kämpfe zwischen Polizei und Autonomen konnte ich dort allerdings nicht erkennen. In weiteren Nebenstraßen waren immer wieder kleinere Feuer zu sehen.

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An der Kreuzung der Panepistimio und der Patissio, der Straße zur Politechnio, separierten sich Autonome aus der Menge der Demonstranten und bewarfen einen Laden direkt an der Straßenecke mit Molotowcocktails. Die Hausfassade wurde in Rauch gehüllt, das Knallen den Explosionen ertönte, Menschen schrieen und rannten davon. Einige der explosiven Geschosse flogen direkt in meine Richtung, weshalb ich zu meiner eigenen Sicherheit mit weiteren Passanten einige Meter weiter zurück sprintete. Von dort war zu erkennen, dass noch mehrere kleinere Feuer auf der Straße entzündet wurden.

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Unerwartet kam der Kopf des Demonstrationszuges plötzlich von rechts aus einer Straße. Neben den Demonstranten rannten einige Autonome entlang und schlugen mit ihren Knüppeln, Schlägern und Brechstangen ziellos auf alles ein, was sie neben sich fanden. Es schien mir deshalb vernünftiger, schleunigst in meine unweit entfernte Wohnung zurückzukehren, anstatt meine Kamera zertrümmern zu lassen. Die Autonomen sind anscheinend nicht sehr erfreut, wenn jemand Lichtbilder von ihnen macht, wie ich heute Mittag schon erkennen dürfte.

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Jetzt hier vor dem Computer sind wieder Explosionen zu hören. Meine Mitbewohnerin kam gerade von der Mensa zurück und meinte, Exarchia sei wie ausgestorben, und in einer Nebenstraße um die Ecke brennen schon wieder Müllcontainer. Das ist kein gutes Zeichen für die nächsten Stunden. Es gibt auf der Straße auch schon Gerüchte über den Einsatz von Militär. Bis jetzt vernehme ich aber nur das konstante Kreisen eines Hubschraubers und einzelne Rufe.
Ob ich das Haus heute aber abermals verlasse, wird sich zeigen. Die unkontrollierte Zerstörungswut der Autonomen und die auf mich zufliegenden Molotowcocktails waren heute sehr unangenehme Erfahrungen, ebenso der gestrige Kontakt mit Tränengas.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Athen

Eine Antwort zu “Friedliche Demonstration von gewalttätigen Autonomen unterwandert

  1. Pt

    hallo! gibts neues?
    scheinbar beschränken sich die (gewalttätigen) demos nicht mehr nur auf ein paar autonome, richtig?

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