Wiederholt gesperrte Straßen

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Gestern Nachmittag unternahm ich einen Besuch bei meinem besetztem Institut, dem Departement of Mass Communication and Mass Media. Da die Fakultät kein eigenes Gebäude besitzt, sind Büro und Unterrichtsräume auf verschiedene Orte im Zentrum Athens verteilt. Vorlesungen werden in Nomiki, der nun besetzten juristischen Fakultät, abgehalten, Seminare finden zum Großteil in einer Seitenstraße der Ermou, nahe am Syntagma, statt. Zu letzterem begab ich mich, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen.
Im Foyer saßen ungefähr 10 Studenten, sie redeten laut und durcheinander. Ich wurde beim Passieren keines Blickes gewürdigt. Zwei Stockwerke höher wurde ein Unterrichtsraum zur Notunterkunft umfunktioniert, mehr als 20 Schlafsäcke lagen auf dem Boden verteilt. An den sonst weißen Wänden des Gebäudes prangerten Parolen in dicken schwarzen Lettern. Der Aufenthaltstraum für Studenten, der mit seiner Einrichtung wirkt wie eine Mischung aus Asta-Büro, Partykeller und Spielwiese, ist vorübergehend die „Zetrale“ der Katalipsi. In den nächsten Tage werden hier Papiere gefaltet und Diskussionen ausgetragen werden. Die Atmosphäre ist entspannt. Ein Junge wirft immer wieder einen Ball gegen die Wand und fängt ihn, man trinkt Bier, gegen 14 Uhr am Nachmittag. Von politischer Anspannung ist hier nichts zu erkennen. Die Szenerie wirkt wie eine Klassenfahrt unter Freunden, Getränke werden fein säuberlich mit einer Strichliste abgerechnet, Zigaretten geraucht und Witze gerissen. Sobald die Gesprächsthemen vom Privaten ins Politische abgleiten, sind die meisten Studenten doch schnell hellhörig diskutierend bei der Sache.
Bis zum 8. Januar werde man das Haus besetzten, dann werde über weiteres Fortschreiten entschieden. Nach zweimaligen Besetzungen in den letzten Jahren, im Frühjahr 2005 und Sommer 2007, sind die meisten Studenten das Procedere gewohnt und sehen auch kein Problem darin, hier im Gebäude länger auszuharren. Man erzählt mir, dass sich hier pro Nacht mindestens 15 Leute aufhalten, tagsüber wechseln die Zahlen zwischen 20-40 Besetzern. Der Unterrichtsbetrieb vor Weihnachten fällt komplett aus. Jeden Tag um 16 Uhr gibt es eine Versammlung der Studierenden des Instituts, um die Neuigkeiten des Tages auszutauschen und zu debattieren. Zu den anderen besetzten universitären Gebäuden hält man Kontakt, jedoch agiert jede Einrichtung autonom und unabhängig der anderen. Gewaltbereit ist man hier scheinbar nicht, allerdings nimmt man jede Möglichkeit wahr, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. „Das Ganze hier ist die einzige Möglichkeit, um zu zeigen, dass uns das hier alles nicht passt“, raunt einer der älteren Studenten, und mit einem verschmitzten Grinsen fügt er hinzu: „Wenn ich ehrlich bin, verändern wird sich sowieso nichts. Die Probleme werden bleiben.“
4200 Tränengasbomben soll die Polizei in Athen innerhalb einer Woche gezündet haben. Den vorübergehenden Mangel an Tränengas habe die Regierung mit Einkäufen in Israel behoben. Die Polizeigewalt hält man auch hier für viel zu hoch, Tränengas werde hier bei fast jeder Demonstration eingesetzt. Natürlich ist die Polizei zu gewalttätig (siehe Bericht der BBC) – aber man kenne es gar nicht anders. Nach Meinung eines Studenten war die Polizei die letzten Tage „meist unsichtbar, doch sie war da“, für die nächsten Tage rechne man hier ebenso mit weiteren kleinen Ausschreitungen: „Es wird was passieren, vielleicht morgen, vielleicht übermorgen, wer weiß.“

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Heute versammelte sich mittags eine Schülerdemonstration am Omoniaplatz und zog schließlich friedlich Richtung Syntagma. Den abgebrannten Weihnachtsbaum hat man dort durch einen Neuen ersetzt.
Später kam es doch zu Auseinandersetzungen und Angriffe auf die Polizei in der Nähe des Parlaments. Tränengas wurde ebenfalls eingesetzt, wie die BBC und der Spiegel berichtet.
Die roten Farbspuren am Syntagma zeugten auch ca. eine Stunde nach den Kämpfen von den Ausschreitungen. Reinigungskräfte begannen die Spuren zu beseitigen. Die Akadimias wurde komplett von der Polizei gesperrt, am Syntagma und Omonia konnte ich die Ankunft mehrerer Polizeibusse beobachten. Auch der kreisende Hubschrauber ist nun zurückgekehrt.

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