Musikalischer Protest

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Gegen 15 Uhr wurde am Syntagmaplatz heute eine Demonstration abgehalten. Wenige hundert Menschen versammeten sich neben dem Parlamentsgebäude und demonstrierten friedlich unter strenge Bewachung der Polizei. Zu Ausschreitungen kam es nach meinen Quellen nicht.

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Am Hauptgebäude der National und Kapodistrias Universität fand am Nachmittag und Abend ein Konzert mit diversen Bands statt. Das Publikum war entspannt, es wurde Bier getrunken und Gras geraucht. Fast wie bei einem gewöhnlichen Rockfestival, allerdings wurde stets der politische Aspekt betont. Viele Organisationen und Gruppierungen verteilten Flyer und Zeitungen, Plakate und Fahnen waren überall in der Menge zu erkennen. Zwischen den (wahrscheinlich lokalen und eher unbekannten) Bands, die jeweils nur einen Song spielten, wurden Texte rezitiert, kurze Reden gehalten und den Ereignissen der letzten Tage gedacht. Besonderen Beifall erhielt ein Sketch, bei dem auf der Bühne ein Polizist mit Clownsnase phantomimisch die leichtfertige Gewaltbereitschaft der Polizei darstellte und lächerlich machte, indem er völlige Unkenntnis vom Gebrauch der (mit einer Hand dargestellten) Schusswaffe demonstrierte.

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Wiederholt gesperrte Straßen

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Gestern Nachmittag unternahm ich einen Besuch bei meinem besetztem Institut, dem Departement of Mass Communication and Mass Media. Da die Fakultät kein eigenes Gebäude besitzt, sind Büro und Unterrichtsräume auf verschiedene Orte im Zentrum Athens verteilt. Vorlesungen werden in Nomiki, der nun besetzten juristischen Fakultät, abgehalten, Seminare finden zum Großteil in einer Seitenstraße der Ermou, nahe am Syntagma, statt. Zu letzterem begab ich mich, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen.
Im Foyer saßen ungefähr 10 Studenten, sie redeten laut und durcheinander. Ich wurde beim Passieren keines Blickes gewürdigt. Zwei Stockwerke höher wurde ein Unterrichtsraum zur Notunterkunft umfunktioniert, mehr als 20 Schlafsäcke lagen auf dem Boden verteilt. An den sonst weißen Wänden des Gebäudes prangerten Parolen in dicken schwarzen Lettern. Der Aufenthaltstraum für Studenten, der mit seiner Einrichtung wirkt wie eine Mischung aus Asta-Büro, Partykeller und Spielwiese, ist vorübergehend die „Zetrale“ der Katalipsi. In den nächsten Tage werden hier Papiere gefaltet und Diskussionen ausgetragen werden. Die Atmosphäre ist entspannt. Ein Junge wirft immer wieder einen Ball gegen die Wand und fängt ihn, man trinkt Bier, gegen 14 Uhr am Nachmittag. Von politischer Anspannung ist hier nichts zu erkennen. Die Szenerie wirkt wie eine Klassenfahrt unter Freunden, Getränke werden fein säuberlich mit einer Strichliste abgerechnet, Zigaretten geraucht und Witze gerissen. Sobald die Gesprächsthemen vom Privaten ins Politische abgleiten, sind die meisten Studenten doch schnell hellhörig diskutierend bei der Sache.
Bis zum 8. Januar werde man das Haus besetzten, dann werde über weiteres Fortschreiten entschieden. Nach zweimaligen Besetzungen in den letzten Jahren, im Frühjahr 2005 und Sommer 2007, sind die meisten Studenten das Procedere gewohnt und sehen auch kein Problem darin, hier im Gebäude länger auszuharren. Man erzählt mir, dass sich hier pro Nacht mindestens 15 Leute aufhalten, tagsüber wechseln die Zahlen zwischen 20-40 Besetzern. Der Unterrichtsbetrieb vor Weihnachten fällt komplett aus. Jeden Tag um 16 Uhr gibt es eine Versammlung der Studierenden des Instituts, um die Neuigkeiten des Tages auszutauschen und zu debattieren. Zu den anderen besetzten universitären Gebäuden hält man Kontakt, jedoch agiert jede Einrichtung autonom und unabhängig der anderen. Gewaltbereit ist man hier scheinbar nicht, allerdings nimmt man jede Möglichkeit wahr, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. „Das Ganze hier ist die einzige Möglichkeit, um zu zeigen, dass uns das hier alles nicht passt“, raunt einer der älteren Studenten, und mit einem verschmitzten Grinsen fügt er hinzu: „Wenn ich ehrlich bin, verändern wird sich sowieso nichts. Die Probleme werden bleiben.“
4200 Tränengasbomben soll die Polizei in Athen innerhalb einer Woche gezündet haben. Den vorübergehenden Mangel an Tränengas habe die Regierung mit Einkäufen in Israel behoben. Die Polizeigewalt hält man auch hier für viel zu hoch, Tränengas werde hier bei fast jeder Demonstration eingesetzt. Natürlich ist die Polizei zu gewalttätig (siehe Bericht der BBC) – aber man kenne es gar nicht anders. Nach Meinung eines Studenten war die Polizei die letzten Tage „meist unsichtbar, doch sie war da“, für die nächsten Tage rechne man hier ebenso mit weiteren kleinen Ausschreitungen: „Es wird was passieren, vielleicht morgen, vielleicht übermorgen, wer weiß.“

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Heute versammelte sich mittags eine Schülerdemonstration am Omoniaplatz und zog schließlich friedlich Richtung Syntagma. Den abgebrannten Weihnachtsbaum hat man dort durch einen Neuen ersetzt.
Später kam es doch zu Auseinandersetzungen und Angriffe auf die Polizei in der Nähe des Parlaments. Tränengas wurde ebenfalls eingesetzt, wie die BBC und der Spiegel berichtet.
Die roten Farbspuren am Syntagma zeugten auch ca. eine Stunde nach den Kämpfen von den Ausschreitungen. Reinigungskräfte begannen die Spuren zu beseitigen. Die Akadimias wurde komplett von der Polizei gesperrt, am Syntagma und Omonia konnte ich die Ankunft mehrerer Polizeibusse beobachten. Auch der kreisende Hubschrauber ist nun zurückgekehrt.

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Kleine Feuer in Exarchia

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Letzte Nacht gab es mehrere kleine Feuer in Exarchia. Für einige Zeit hing der Rauch von verbranntem Müll in der Luft. Mehrmals passierte eine Einheit der Polizei unsere Straße, von Kämpfen haben wir allerdings nichts gehört. Nahe am Unicampus Sougrafou, der gestern verschlossen blieb, sollen nachts drei Autos gebrannt haben.

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Ein Nachtrag zum letzten Blogeintrag: Vielleicht habe ich das Zitat der Griechin nicht deutlich genug als solches gekennzeichnet, so dass man den Sprecher eindeutig identifizieren konnte. Der Begriff „Zigeuner“ war wegen seiner negativen Konnotation ebenfalls nicht sehr geschickt gewählt, allerdings ist der Ausdruck eine Möglichkeit der Übersetzung des Wortes „Gypsies“. Die ganze Passage ist kein persönlicher politscher Kommentar meinerseits, sondern das Zitat eines Augenzeugen.

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Aufräumarbeiten

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Der Alltag, mit all seinen Ausprägungen, ist in Athen wieder eingekehrt. Die Straßen sind bevölkert, der Verkehr ist laut, man trägt bei 18 Grad eine Sonnenbrille gegen die blendende Sonne und Taxifahrer nehmen sich gegenseitig fluchend die Vorfahrt.
Spuren der letzten Tage finden sich immer noch um die Politechnio. Zerstörte Ampeln werden ausgewechselt, Leuchtreklamen aufgehängt, Graffitis übermalt.

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So ruhig wie im Innenhof der Politechnio diesen Morgen wird es nach Meinung einiger Griechen nicht bleiben. Jeden Abend ertönt laute Musik aus dem Gelände, für morgen Abend ist eine Demonstration am Omoniaplatz angekündigt. Das wäre wieder eine passende Gelegenheit für kleinere Ausschreitungen. Auf jeden Fall seien weitere Kämpfe vor dem Wochenende zu erwarten.
In einem Laden in Exarchia erzählte ich einem Verkäufer, dass ich direkt von meinem Balkon die Gefechte zwischen Polizei verfolgen kann. Der junge Mann, etwa in meinem Alter, berichtet, dass er am letzten Samstag selbst auf der Straße war, und : „Die Kämpfe sind gut. Das ist die einzige Möglichkeit zu zeigen, dass uns die Politik in Griechenland nicht passt. Die Politiker sind hier alle korrupt, nicht so wie in Deutschland. Wirf das nächste Mal ein paar Orangen oder Flaschen nach der Polizei.“
Bis es wieder losgeht, bleibt es ruhig im Innenhof der Politechnio. Eine Griechin, die in den letzten Tagen das Gelände zweimal betrat, berichtet davon, dass sie nur ungefähr 20 vermummte Gestalten, ca. 20 Jahre alt, gesehen habe, und diese ihr nicht wie Studenten. In einem Raum habe sie beobachtet, wie mehrere Zigeuner Molotowcocktails anrührten, während deren Kinder über das Gelände liefen.

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Samstägliche Demonstration am Syntagma

Nachdem in der letzten Nacht abermals keine nennenswerten Zwischenfälle gab, möchte ich hier noch Eindrücke zur Demonstration am Syntgma wiedergeben, bei der sich zahlreiche Menschen am Samstag, den 15.12..2008, nachmittags friedlich vor dem Parlament versammelten.
„Die staatliche Demokratie kann nicht weitergehen, wenn die Leidenden dafür bezahlen“ stand vergangenen Samstag in roten Lettern auf einem Plakat am Syntagma. Menschen sitzen af der Straße, diskutieren, diskutieren, spielen Gitarre. Die friedliche Demonstration wurde von der Polizei unter Kontrolle gehalten, die die Treppe zum Syntagma absperrte.

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„Krise – kein Problem“

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„Krise – kein Problem“. So wirbt ein Café nur ca. 200 Meter entfernt vom Haupteingang des Poltechnikums in der Patissio. Die Krise als Alltag? Es ist ein eigenartiger Effekt, wenn Straßenschlachten, Tränengas und Molotowcocktails zu Elementen der täglichen Routine werden. Erst recht durch meinen Besuch merke ich, wie sehr man die Ausschreitungen in sein Alltagshandeln integriert und akzeptiert hat.

Der heutige Tag gebärte sich ruhig, im sonntäglichen Schalf wie an jedem Wochenende. Einige der erst wieder Instand gesetzten Läden um die Politechnio waren bei den nächtlichen Kämpfen wieder Opfer der Zerstörung. Wenige Menschen sitzen auf dem Unigelände, Feuer spenden ihnen Wärme. Nachmittags am Syntagma ist außer einer Polizeiwache und einigen Sitzstdemonstranten kein Anzeichen für Unruhen zu finden. Es scheint, als atmet die Stadt einmal tief durch. Schwere Regengüße am Abend überschwemmen die Straßen und unterbinden vielleicht auch weitere Ausschreitungen.
Morgen gibt es eine weitere Demonstration. Mal sehen wie es weitergeht.

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Aufflammen der Gefechte

Wenn ich meine Balkontür öffne, zieht eine Mischung aus Tränengas und verbranntem Müll in meine Nase, an mein Ohr gelangt eine untrennbare auditive Symbiose aus Explosionen, schrillen Alarmanlagen, Schreien, Polizeifunk, dem Aufprall von Steinen auf den Asphalt und Klirren zerberstender Scheiben. Nach zwei Nächten ohne große Ausschreitungen ist das Viertel Exarchia wieder der Ort, an dem Polizei und Dolofori aufeinander treffen.
Nach Angaben weiterer Erasmus-Studenten gibt es in dieser Nacht außerdem Randale und Kämpfe mit der Polizei an der Patission, in mehreren Ecken Exarchias und am Syntagma vor dem Parlament.

Immer wieder ertönten sehr laute Explosionen aus den nächstliegenden Straßen, mehrmals bezieht eine Polizeieinheit vor unserem Haus Stellung und hält inne. Tränengas fliegt in die kleine Gruppe von Vandalen am Ende der Straßen, danach zieht die Einheit sich durch den Nebel wieder zurück.
Der McDonalds in der Patissio, der nach seiner Zerstörung heute wiedereröffnet wurde, war angeblich eine wiederholtes Ziel der Zerstörung und steht nun abermals in Flammen. Ein französischer Freund von mir berichtet, dass die Polizei in Exarchie nun bewusst die Dolofori jagt und festnimmt.

Abermals wütet eine Truppe von Protestanten hörbar durch unsere Straße, sobald die Polizei abgezogen ist. In der Luft hängt zuviel Tränengas, als dass wir uns auf den Balkon begeben können.
Es ist sehr unangenehm, sich auf sein Ohr als einziges Sinnesorgan zu zu konzentrieren, um sich eine Vorstellung vom aktuellen Geschehen zu machen.

Nachtrag vom Morgen: Die BBC berichtet als erste Nachrichteninstanz über die Vorgänge der letzten Nacht.

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